Kinder- und Jugendhilfe (nicht) nur für Deutsche?! - Interkulturelle Arbeit im Sozialraum -
Fachtagung, Berlin, 29.-30.01.2009
Eine Provokation zum (Tagungs-)Thema
"Wenn sie ganz ehrlich zueinander sind, gestehen sich Jugendsozialarbeiter ein, dass es bislang kein Rezept gibt, männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Kein Fußballprojekt, kein Berufsgrundschuljahr, kein Migranten-in-Arbeit-Programm funktioniert wirklich. Funktionieren heißt, dass es über den Einzelfall hinaus zuverlässig auch in der Fläche wirken würde. Selbst da, wo unter Laborbedingungen unrealistisch hohe Geldsummen für den Einzelfall ausgegeben werden, bleiben die Erfolge übersichtlich.
Das hat viele Gründe - vor allem aber den, dass den Helfern die Zugänge und die Akzeptanz in den Milieus fehlen. Sozialarbeit ist genauso deutsch und weiblich und über 40, wie die problematischen Jugendlichen migrantisch, männlich, und unter 25 sind. (…)
Die Kinder- und Jugendhilfe ist besser geworden, problembewusster, angemessener, keine Frage. Doch sie ist immer noch ein selbstreferenzielles System, das mit den falschen Personen der richtigen Zielgruppe zu Leibe rückt. Noch schlimmer: Dieses System kann aus sich heraus gar kein Interesse daran haben, die Welt der Jugendhilfe fundamental zu verändern. Es ist kein Wunder, dass die wenigen guten Projekte für männliche Jugendliche in Problemvierteln der Großstädte oft von erwachsenen Migranten gestaltet werden. Es ist auch kein Wunder, dass diese Projekte keine Chance bekommen, sich großflächig zu verbreiten. Die heutigen Helfer würden nämlich das Monopol auf Problemdeutung und Problemlösung verlieren, wenn die guten Ansätze zum Standard würden. Sie müssten auf privates Stiftergeld, öffentliche Budgets und Stellen verzichten. Gesucht würden für die Jugendämter dann nicht mehr Frauen, sondern Männer. Migrationshintergrund wäre kein Einstellungshemmnis mehr, im Gegenteil. Ansprechpartner wären nicht mehr die Mütter, sondern die Väter.
Aber wer stellt schon freiwillig seine Existenz in Frage?"
(zitiert aus: "Der Fluch der guten Tat" von Ursula Weidenfeld, erschienen im Tagesspiegel am 3. Juli 2008)
Ist gute soziale Arbeit = Interkulturelle Arbeit?
Was bedeutet das für den Umgang mit Migranten als Kunden/Nutzer der Kinder- und Jugendhilfe?
Wie können Mitarbeiter/innen für interkulturelle Arbeit qualifiziert werden?
Wie wichtig ist es, sozialräumliche Ansätze mit einzubeziehen?
Wie können soziale Räume für interkulturelle Arbeit qualifiziert werden?
Wo sind die Bedarfe in der Praxis, vor allem bei den "Hilfen zur Erziehung"?
Wie kann eine interkulturelle Öffnung der Hilfen zur Erziehung erfolgreich angegangen werden?
Welches Handwerkszeug, welche Handlungskompetenzen sind notwendig?
Was war der Hintergrund für die Entstehung von Migrantenselbsthilfeorganisationen?
Wo ist deren Existenzberechtigung, was qualifiziert sie?
Wie vereinbaren sich diese mit Konzepten der Jugendhilfeplanung der örtlichen Jugendämter?
Wie ist das (Konkurrenz-)Verhältnis zu freien Trägern auf dem Jugendhilfe-"Markt"?
Wie kann die deutsche Jugendhilfe für Migrantenselbsthilfeorganisationen geöffnet werden?
Was lernt das System Kinder- und Jugendhilfe von Menschen mit Migrationshintergrund?
Ziel der Tagung ist eine Verständigung darüber, was gute (interkulturelle) Sozialarbeit ist, welche Handlungsfelder in diesem Kontext wichtig sind, "illustriert" durch die Vorstellung von Beispielen guter interkultureller kommunaler Praxis und Ihren Erfahrungen und Beiträgen. Diskutieren Sie mit uns in Berlin!
Begleitend zur Tagung wird "anders? - cool! Die Lebenssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund - eine Wanderausstellung zur Integrationsarbeit der Jugendmigrationsdienste" gezeigt.


