Tagungsbericht

Fachtagung | Berlin | 08.12. - 09.12.2016

Am 8./9.12.2016 veranstaltete die Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe (AGFJ) im Deutschen Institut für Urbanistik die Fachtagung „In allen Größen! Stärkung von Pflegekindern und ihren Familien“. Zu dieser Fachtagung waren 150 Fachkräfte der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe nach Berlin gekommen, um gemeinsam darüber zu diskutieren, wie die Qualitätsentwicklung in der Pflegekinderhilfe befördert werden kann. Auch die geplante Reform des SGB VIII setzt einen der Schwerpunkte auf wirksameren Schutz für Kinder und hier insbesondere auch darauf, wie Pflegekinder und ihre Familien gestärkt werden können. Geplant war ein bundesweiter Erfahrungsaustausch über die Arbeit der Pflegekinderdienste und in diesem Kontext Wissensvermittlung, Erfahrungsaustausch und Vernetzung. Während am ersten Veranstaltungstag strukturelle Aspekte des Pflegekinderwesens im Vordergrund standen, wurde der Fokus am zweiten Tag auf kindbezogene Aspekte gelegt. In zahlreichen Arbeitsgruppen nutzten die Anwesenden die Chance, sich zu verschiedenen Schwerpunktthemen angeregt auszutauschen. Die Tagung wurde eröffnet und moderiert von Kerstin Landua, Leiterin der AGFJ im Difu, und Wolfgang Trede, Leiter des Amtes für Jugend und Bildung im Landkreis Böblingen.

Die Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe - mit Blick auf die Reform des SGB VIII und mit Blick auf die fachliche Praxis

Diana Eschelbach, Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH), stellte zu Beginn ihrer Ausführungen das Dialogforum Pflegekinderhilfe vor, zu dessen Mitgliedern sie gehört. Dieses wird seit Mai 2015 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt. Es soll den Reformprozess des SGB VIII im Bereich der Pflegekinderhilfe unterstützen und begleiten und zur Qualifizierung und Weiterentwicklung dieser beitragen. Im Zuge dessen wurden Expertisen verfasst und Leitthemen und Forderungen entwickelt, um dem Gesetzgeber zu signalisieren, welche Reformen aus Sicht der Fachpraxis nötig sind. Als Ergebnis erläuterte Frau Eschelbach die grundlegenden Forderungen und Vorschläge des Projektteams:

  • Vermeidung von weiteren Brüchen in der Biografie der Pflegekinder,
  • qualifizierte Hilfeplanung,
  • Stärkung der Arbeit mit den Herkunftseltern im Interesse des Kindes,
  • verpflichtende Beteiligung von Kindern,
  • nachhaltige Begleitung junger Menschen im Übergang (Careleaver),
  • soziale Absicherung der Pflegepersonen,
  • Einführung verbindlicher Qualitätsstandards.

Nachfolgend ging sie auf die Aspekte ein, die ihres Wissens nach möglicherweise Inhalt des Reformentwurfs im Hinblick auf das Thema „Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe“ sein könnten. Da die tatsächlichen Inhalte noch ungewiss wären, bleibe zu hoffen, dass der weitere Reformprozess nach dem Erscheinen eines Referentenentwurfs transparenter wird und am Ende zu einem guten Ergebnis führt.

Dr. Christian Erzberger, Projektleiter bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. (GISS) und ebenfalls Mitglied im Dialogforum Pflegekinderhilfe, ging auf die Frage ein, was es in der Pflegekinderhilfe aus Sicht der Praxis weiterzuentwickeln gibt. Vor allem müsse die Personalbemessung weiterentwickelt und insgesamt die Gesamtrationalität der Pflegekinderhilfe erhöht werden. Zu berücksichtigen wären hierbei insbesondere die unterschiedlichen Pflegearten (Allgemeine Vollzeitpflege, Sozialpädagogische Vollzeitpflege, Sonderpädagogische Vollzeitpflege, jeweils zeitlich befristet oder auf Dauer angelegt, Bereitschaftspflege, Verwandten- oder Netzwerkpflege, Gastfamilien für UMF u.s.w.), ihre unterschiedlichen Verläufe und die sich daraus ergebenden Bedarfe. Unterschiedliche Pflegearten würden schließlich eine unterschiedliche Werbung, Eignung, Art der Betreuung, Kooperation mit dem ASD und Beendigung der Hilfe verlangen. Danach müsste sich die Fallzahlplanung richten und der Personalbedarf bemessen.

Im Anschluss an die beiden einführenden Referate wurden drei Blitzlichter aus der kommunalen Praxis als Beispiele für Qualitätsentwicklung in der Pflegekinderhilfe mit einem besonderen Alleinstellungsmerkmal vorgestellt:

  • Qualitätsentwicklung in der Familiären Bereitschaftsbetreuung in Düsseldorf,
  • Elternberatung in der Stadt Bremen,
  • Beteiligungskonzepte im Landkreis Böblingen.

Da das Thema Elternberatung auch in den Arbeitsgruppen von sehr großem Interesse war, soll an dieser Stelle exemplarisch das Konzept von PIB - Pflegekinder in Bremen skizziert werden. Dieses wurde bei der Tagung von Judith Pöckler-von Lingen, welche in dem Verein die Abteilung Vollzeitpflege und Übergangspflege leitet, vorgestellt. Sie erläuterte, dass es das eigenständige Angebot der Beratung leiblicher Eltern bei PIB seit 5 Jahren gibt. Man wollte sich damit der Herausforderung stellen, den Kindern zu ermöglichen, in einer neuen Familie anzukommen, ohne die andere zu verlieren und ohne dabei zerrissen zu werden. Zu den Angeboten gehören die frühzeitige Information, Einzelberatung, Unterstützung bei Hilfeplangesprächen, angeleitete Elterntreffs und die Ermöglichung von Umgangskontakten in Familiencafés. Außerdem würde ein besonderes Augenmerk auf die gemeinsame Beratung von Eltern und Pflegeeltern und die Stärkung ihrer Beziehung gelegt werden. Dies würde alle Beteiligten entlasten und nicht zuletzt den Kindern zugutekommen. Denn Kinder würden ihre Pflegefamilien emotional als Erweiterung ihres Familiensystems erleben und bei einer möglichen Rückkehr würde ein (erneuter) Bruch vermieden werden und das Kind könne seine gewonnenen Bindungen weiterleben.

Neben dem Thema Elternberatung konnten im Rahmen von Arbeitsgruppen auch die folgenden strukturellen Aspekte der Pflegekinderhilfe besprochen und diskutiert werden:

  • Stabilität in die (neue) Familiensituation bringen und Perspektiven planen,
  • Vollzeitpflege in Verwandtenpflegefamilien,
  • Methoden und Settings zur Begleitung und Entlastung von Pflegefamilien,
  • Gastfamilien für unbegleitete minderjährige Jugendliche,
  • Innovative Öffentlichkeitsarbeit und Entwicklung von Akquise-Strategien.

Die Beispiele guter und gelingender Praxis, sowie die Inhalte der Arbeitsgruppen und die Inputs der Fachbeiträge im Plenum werden in der Dokumentation der Tagung abgebildet, die voraussichtlich im zweiten Quartal 2017 erscheinen wird.

„Goodwill Lösungen“ für Pflegekinder mit Behinderungen und ihre Familien

Gila Schindler, Fachanwältin für Sozialrecht in der sojura Kanzlei für soziale Sicherheit und Mitglied im Aktionsbündnis für Kinder mit Behinderungen in Pflegefamilien e.V., und Kerstin Held, Vorsitzende des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V., verdeutlichten mit Hilfe von vielen selbst erlebten Praxisbeispielen, dass es für Pflegekinder mit Behinderungen und ihre Familien noch viel zu tun gibt. Frau Held, die selbst seit 16 Jahren Pflegemutter ist und in der Zeit elf Pflegekinder, davon neun mit Schwerbehinderung, betreut hat, schilderte die Auswirkungen von fehlenden Rahmenbedingungen, ungelösten Rechtsfragen und weiteren Problemen, die Frau Schindler aus juristischer Sicht beschrieb. Die beiden Frauen erläuterten vor diesem Hintergrund die Erwartungen der Praxis an eine Inklusive Pflegekinderhilfe: Zunächst müsse das Jugendamt eine passende Pflegeperson/-familie für jedes einzelne Kind finden. Danach ginge es darum, die konkreten Bedarfe eines Kindes festzustellen, um geeignete Hilfen ermitteln zu können. Außerdem gelte es, herauszufinden, welche Unterstützung jede einzelne Pflegeperson/-familie braucht, um den Bedarf des jeweiligen Kindes decken zu können und selbst nicht von dieser Aufgabe überfordert zu werden. Grundsätzlich müssten förderliche Rahmenbedingungen ortsübergreifend abgesichert werden. Gute Lösungen dürften nicht vom guten Willen der SachbearbeiterInnen vor Ort abhängen.

Frau Held sprach darüber hinaus an, dass sich der Kontakt zur Herkunftsfamilie von Kindern mit Behinderung teilweise etwas anders gestalte, als im bisherigen Verlauf der Tagung beschrieben wurde. Oft seien diese Kinder in Pflegefamilien, weil ihre Herkunftsfamilien überfordert waren, die Schicksalsbewältigung falle den Familien sehr schwer und nicht selten hätten sie tiefstes Mitleid mit ihrem Kind und würden selbst trauern.

Schließlich zählten Frau Schindler und Frau Held konkrete Zusatzleistungen auf, die Familien mit behinderten Pflegekindern brauchen: 

  • Erhöhte und bedarfsgerechte finanzielle Leistungen,
  • Entlastungsangebote durch zusätzliche Betreuungsmöglichkeiten,
  • Beihilfen und Sonderausstattung die durch die Behinderung begründet sind, Hilfsmittel und Mobilität,
  • Therapien und andere Förderangebote,
  • Supervision,
  • Fort- und Weiterbildung für die Pflegeperson,
  • Begleitung durch fachkompetente Berater (Fachdienstbegleitung).

Die sehr bewegenden Ausführungen machten deutlich, dass Pflegefamilien, die Kinder mit Behinderungen bei sich aufnehmen, Inklusion leben, aber Exklusion erfahren.

Am zweiten Veranstaltungstag stand die Sicht der Kinder im Mittelpunkt und auch die Arbeitsgruppen nahmen kindbezogene Aspekte in der Pflegekinderhilfe in den Blick, wie

  • Beteiligung und Partizipation,
  • Beziehungsgestaltung zu den leiblichen Eltern und Geschwistern,
  • Biografiearbeit,
  • Hilfe(n) zur Verselbständigung,
  • die Sicht leiblicher Kinder auf hinzukommende Pflegekinder.

Pflegekinder als Kinder und Pflegefamilien als Familien betrachten

Prof. Dr. Klaus Wolf, Erziehungswissenschaftler, Fachbereich Erziehungswissenschaft/ Sozialpädagogik der Universität Siegen, beschrieb, vor welchen Herausforderungen und Aufgaben die Pflegekinderhilfe in Deutschland aus wissenschaftlicher Sicht steht. Er begann seine Ausführungen, indem er die Besonderheiten von Pflegefamilien im Vergleich zu anderen Familien veranschaulichte und deutete an, wie wichtig es wäre, dass sich die Fachkräfte ins Bewusstsein rufen, wie sie Pflegefamilien sehen. Betrachten sie diese in erster Linie als Familie oder als Organisation? Prof. Wolf plädierte dafür, Pflegefamilien durchweg als Familien zu betrachten und ihnen auch so zu begegnen. So gelte z.B.:

  • Pflegefamilien sollten nicht als „gläserne Familien“ betrachtet werden. Stattdessen sollten ihr Privatleben und ihre Autonomie berücksichtigt werden.
  • Das Prinzip „Einmal Anweisungen geben und dann nur noch begleiten“ würde nicht funktionieren, weil die einzelnen Mitglieder von Familien und ganze Familiensysteme sich entwickeln.
  • Fachkräfte sollten das lebensweltliche Wissen und die lebenspraktische Kompetenz von Pflegefamilien respektieren und daran anknüpfen.

Als weitere Herausforderungen nannte Prof. Wolf die Vielfalt in der Pflegekinderhilfe (v.a. in Bezug auf Familienformen und Rollenidentitäten), das Verhältnis von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie und die Herausforderung, Pflegekinder zuerst als Kinder zu betrachten.

Jessica Schneider,
Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe
im Deutschen Institut für Urbanistik, Berlin
Kontakt: jschneider@difu.de