Tagungsbericht
- Realitätsverschiebungen -
Bericht zur Veranstaltung "Die Verantwortung der Jugendhilfe für Kinder von Eltern mit chronischen Belastungen"
Die Wahrheit findet sich - wie überall - auf dem Platz in der Praxis
Diese Fachtagung wurde in Kooperation mit der Deutschen Liga für das Kind veranstaltet und von 160 interessierten Fachkräften aus der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie von Ärzten besucht. Sie widmete sich den speziellen Entwicklungsbedürfnissen von Kindern, deren Eltern "chronisch belastet" sind. Herr Dr. Löhr wies bei der Eröffnung dieser Veranstaltung darauf hin, dass das Thema dieser Fachtagung eine enge Verbindung zur allerersten Fachtagung des VfK im Jahre 1995 hat, die zum Thema "Eingliederung seelisch behinderter Kinder und Jugendlicher als Aufgabe des Jugendamtes" stattfand.
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Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind e.V., Berlin, und Dr. Rolf-Peter Löhr, Geschäftsführer des Vereins für Kommunalwissenschaften e.V., Berlin |
"Ohne Emotion kann man Dunkelheit nicht in Licht und Apathie nicht in Bewegung verwandeln."
(Carl Gustav Jung)
Ein sehr emotionaler und zugleich fachlicher Einstieg in unser Tagungsthema war der Vortrag von Katja Beeck, der durch seine anschauliche Vortragsweise sehr für dieses Thema und die damit verbundenen vielfältigen Probleme für Kinder chronisch belasteter Eltern sensibilisierte. Sie sprach über die Lebensumstände solcher Kinder, welche Folgen diese für sie haben und analysierte, warum Unterstützung oft zu spät kommt. Bei der Bandbreite der Auswirkungen verwies sie u. a. auf den Verlust der Unbeschwertheit, auf Bindungsprobleme und gestörtes Sozialverhalten, Angst- und Zwangserkrankungen, Konzentrationsschwäche, psychosomatische Beschwerden, Identitätsstörung/ gestörte Selbstwahrnehmung/ geringes Selbstwertgefühl und schließlich auch auf die eigene psychiatrische Erkrankung. Als Gründe, warum diese Kinder meist keine rechtzeitige Unterstützung erhalten, nannte sie u.a. ein zu geringes Problembewusstsein in Fachkreisen und in den Familien, sowohl beim kranken als auch beim gesunden Elternteil, der selbst in der Krise ist und sich um den Kranken kümmert. Das Kind nimmt sich und seine eigenen Bedürfnisse dann kaum noch wahr. Fachleute, wie z.B. Erwachsenenpsychiater, wüssten oft gar nicht um die Elternrolle ihrer Patienten. Handlungsansätze zu einer Verbesserung dieses Problems seien Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Lobbyarbeit, die Weiterbildung der Fachleute und die Sensibilisierung der Eltern (krank und gesund), der anderen Angehörigen, der Ärzte, der Eltern, der Richter sowie anderer Menschen, die mit diesen Kindern in Kontakt kommen. Weitere Gründe seien die unzureichende Formulierung eines speziellen Unterstützungsbedarfs, Probleme bei der Etablierung spezieller Unterstützung sowie der schwierige Zugang der Kinder zur Unterstützung.
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Erkrankungsrisiko und Erziehungsfähigkeit der Eltern
Der Vortrag von Prof. Ulrike Lehmkuhl, Charité Berlin, setzte sich mit spezifischen Aspekten der "Störungsbilder" insbesondere psychisch erkrankter Eltern auseinander. Sie verwies in ihrem Referat u. a. darauf, dass zwischen Kindern und Eltern ein "Schweigepakt" bestehe, dass es ein tendenzielles Übersehen der überlasteten/überforderten Kinder erkrankter Eltern gibt und dass selbst manche Erwachsenenpsychiater meinten, dass die gesunden (nicht volljährigen) Kinder für ihre Eltern da sein müssten und sie mit diesem Anspruch ebenfalls überforderten. Kinder chronisch belasteter Eltern hätten selbst ein hohes Erkrankungsrisiko, sie bräuchten deshalb unbedingt wenigstens eine feste Bezugsperson, damit sie sich selber positiv entwickeln können. Professionelle Helfer sollten deshalb eine schwere Erkrankung der Eltern auch immer aus der Perspektive des Kindes betrachten und Kinder in ihren eigenen Entwicklungsbedürfnissen unterstützen. Die am häufigsten in der Praxis vorkommenden Fälle wären eine psychotische und/oder depressive Erkrankung der Mutter, oftmals von Geburt des Kindes an, sowie Bindungsstörungen. Unterstützungssysteme durch die Jugendhilfe für diese Kinder sollten gewährleistet sein, z.B. Pflegefamilien mit einer "sicheren Umgebung".
Wie lässt sich der Einzelfall verstehen, damit seine Besonderheit vergleichbar wird?
Prof. Jürgen Körner, Freie Universität Berlin, verwies in seinem Vortrag u. a. darauf, dass es für psychische Erkrankungen immer eine "Disposition" und einen "Auslöser" gäbe und dass jede psychische Fehlentwicklung als Bewältigungsversuch verstanden werden müsse, mit sekundären und tertiären Folgen. Wenn der Versuch, sich an die Umwelt anzupassen, immer wieder nicht hinreichend gelänge, bestünde die Gefahr einer Chronifizierung. Therapeutisches/pädagogisches Handeln brauche in diesem Zusammenhang immer eine Begründung: keine Intervention ohne Indikation, keine Indikation ohne Diagnostik.
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Prof. Dr. Jürgen Körner, Psychoanalytiker, Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft |
Aus biografischen Erfahrungen lernen
Dr. Sabine Wagenblass vom Institut für Soziale Arbeit (ISA) in Münster stellte im Plenum Forschungsergebnisse des Projektes KAFKA vor und konzentrierte sich hierbei auf die Analyse der Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern und auf die Anforderungen an sozialpädagogisches Handeln. In ihrem Vortrag machte sie deutlich, dass Familien, in denen ein Elternteil erkrankt ist, überdurchschnittlich häufig durch Trennungen und Beziehungsabbrüche belastet seien. 35% der psychisch erkrankten Eltern lebten dauerhaft getrennt von ihren minderjährigen Kindern, rund 50% der psychisch erkrankten Eltern leben dauerhaft getrennt vom Vater bzw. der Mutter ihrer Kinder. Als besonders problematisch sei die Schere zwischen dem steigenden Unterstützungsbedarf der Kinder und der sinkenden Unterstützungsfähigkeit der Eltern anzusehen. Das Leiden der Kinder beginne nicht erst mit der Diagnose. Gerade die auffällig unauffälligen Kinder bräuchten Hilfe. Ihre Möglichkeit, sich anderen Menschen mitzuteilen und hierbei Unterstützung zu erfahren, ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren für die Kinder, da oft vielfache Ängste ihren Alltag begleiten. Deshalb sollten Hilfen die ganze Familie in den Blick nehmen und diese Unterstützung muss frühzeitig gewährt werden. Und der komplexe Hilfebedarf erfordert die Kooperation verschiedener Hilfesysteme.
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Dr. Sabine Wagenblass, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Arbeit e.V., Münster: "Vorstellung von Forschungsergebnissen des Projektes KAFKA. Kinder zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe" |
Ein "blinder Fleck" in der Kinder- und Jugendhilfe: Kinder suchtbelasteter Familien
Prof. Dr. Michael Klein, Fachhochschule Köln, referierte über Kinder aus suchtbelasteten Familien und ihre Risiken und Resilienzen in Bezug auf ihre Entwicklungsverläufe. Er machte eingangs deutlich, dass in Deutschland 2,65 Millionen Kinder leben, bei denen mindestens ein Elternteil alkoholabhängig sei, 40.000 Kinder würden bei drogenabhängigen Eltern leben.
Die Zeitspanne, die die Eltern bräuchten, um von ihrer Sucht zu genesen, sei in aller Regel zu lang, damit Kinder nicht psychisch erkranken. Die kindliche Wahrnehmung des elterlichen Suchtverhaltens sei der Schlüssel zur psychischen Gesundheit der Kinder. Aber leider seien Kinder suchtbelasteter Eltern noch weitgehend ein blinder Fleck in der Jugendhilfe. Was fehlt, seien detailliertere Informationen, Wissen und damit einhergehend Handlungskompetenz. Viele Kinder seien unauffällig bzw. überangepasst. Gebraucht würden anonyme niedrigschwellige Arbeits- und neue Präventionsformen, damit Elternrechte nicht die Kinderbedürfnisse dominieren. Abschließend stellte Prof. Klein zehn Eckpunkte für den Umgang mit Kindern aus suchtbelasteten Familien vor, die in der Dokumentation dieser Veranstaltung nachzulesen sein werden.
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Prof. Dr. Michael Klein, Dipl.-Psychologe, Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, Klinische Psychologie und Sozialpsychologie |
Der Nachmittag des ersten Veranstaltungstages war dem intensiven Austausch in Arbeitsgruppen anhand von Praxis- und Spezialangeboten aus der Jugendhilfe gewidmet, die den Anspruch verfolgten, interdisziplinär, träger- und institutionenübergreifend zusammenzuarbeiten.
Am zweiten Arbeitstag wurden nach einem schwerpunktmäßig juristischen Referat insbesondere niedrigschwellige vernetzte Hilfen für Kinder von Eltern mit chronischen Belastungen im Plenum vorgestellt.
Die sozialpädagogische Übersetzung des § 1666 BGB: Kindeswohlgefährdung, Problemakzeptanz, Problemkongruenz und Hilfeakzeptanz
Dr. Thomas Meysen, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht Heidelberg, referierte über die rechtlichen Grundlagen im Zusammenhang mit unserem Tagungsthema. In den Mittelpunkt seines Referates stellt er die Kindeswohlgefährdung, die im Paragraphen 1666 BGB ihre gesetzliche Verankerung findet. Er empfahl bei festgestellter Kindeswohlgefährdung zu prüfen, ob stets ein Sorgerechtsentzug notwendig ist oder das Ruhen der elterlichen Sorge angeordnet werden kann, da diese Form für die erkrankten Eltern oft eine weniger diskriminierende Belastung sei.
Schwierig in diesem Zusammenhang sei die "Risikoabschätzung". Als Beispiel nannte er die depressive Erkrankung der Mutter einer siebenjährigen Tochter, von der die Mitarbeiter des Jugendamtes vom Arzt keine Information erhalten, da die Mutter eine Schweigepflichtentbindung nicht zulässt. Mitarbeiter des Jugendamtes könnten dann nur zum Familiengericht gehen und um eine gerichtliche Sachverhaltsaufklärung zum Wohle des Kindes bitten. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Mitarbeiter der verschiedenen Institutionen ohne Vermischung ihrer jeweiligen Rollen sei wichtig, um dem Kind schnell helfen zu können. Das Wissen der Helferinnen und Helfer sei nicht hinreichend gebündelt. Eltern könnten noch besser motiviert werden, beim Jugendamt um ergänzende Hilfen nachzusuchen. Außerdem werde der Informationsaustausch oftmals unter dem formalen Etikett "Schweigepflicht" abgelehnt, obwohl die rechtliche Grenze eine Gefährdung des Erfolgs der Hilfe sei. Was die Gewährung von Hilfen anbelangt, so gelte es, Flexibilität und Kontinuität trotz schwankendem Hilfebedarf zu gewährleisten - eine der momentanen Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe.
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Dr. Thomas Meysen, Fachlicher Leiter des Deutschen Institut für Familienhilfe und Jugendrecht, Heidelberg |
Man muss belegen können, ob auch gut ist, was man tut...
Dr. Ute Ziegenhain vom Universitätsklinikum Ulm stellte Forschungsergebnisse und Erfahrungen im Bereich der präventiven Hilfen für jugendliche Mütter vor. Der Anteil früher Elternschaft bei Mädchen unter 18 Jahren sei mit 7% relativ gering, dafür würden diese Mädchen aber mit 12, 13, 14 Jahren in immer jüngerem Alter Mütter und bräuchten deshalb besondere Unterstützung. Frau Dr. Ziegenhain verwies darauf, dass jugendliche Mütter und ihre Kinder als Hochrisikogruppe gelten, da sie häufig allein erziehend sind, in psychosozial belasteten Verhältnissen leben, erhebliche finanzielle Belastungen und häufig keinen abgeschlossenen Schul- oder Berufsabschluss haben, der sie in die Lage versetzen würde, die Verantwortung für ein Kind adäquat zu übernehmen und eine dauerhafte ökonomische Absicherung zu erlangen. Verglichen mit Jugendlichen ohne Kinder wären jugendliche Mütter diffuser in ihrer Identität, weniger autonom und misstrauischer. Sie hätten ein geringeres Selbstwertgefühl und zeigten, verstärkt im Jahr nach der Geburt des Kindes, depressive Symptomatik. US-amerikanische Befunde berichteten außerdem von psychiatrisch relevanten Störungsbildern bei jugendlichen Müttern. Diese mit der psychischen Erkrankung einhergehenden sozialen und emotionalen Einschränkungen und Verzerrungen würden sich unmittelbar auf die Interaktion und die Bindungsbeziehung mit dem Kind auswirken. Durch Untersuchungen sei belegt, dass jugendliche Mütter im Vergleich mit älteren Müttern wenig Kenntnisse über Entwicklungsmeilensteine hätten, und dazu neigten, das Erreichen von Meilensteinen früher als entwicklungstypisch erwartbar anzunehmen. Sie hätten zudem Erziehungseinstellungen, die Strafen bevorzugten, und würden sich wenig feinfühlig im Umgang mit ihrem Säugling und Kleinkind erweisen. Sie seien überwiegend wenig responsiv sowie emotional zurückgezogen, dabei sei ihr ausgeprägtes Schweigen charakteristisch für die Interaktionsqualität. Darüber hinaus fänden sich im Interaktionsverhalten jugendlicher Mütter auch invasives und überstimulierendes Verhalten, wie etwa in der Tendenz, das Baby zu foppen und zu kneifen. Vernachlässigendes und misshandelndes Verhalten fänden sich bei jugendlichen Müttern häufig dann, wenn sie wenig soziale Unterstützung erfahren und arm seien.
Als eine effektive Form der Hilfe und Unterstützung jugendlicher Mütter stellte sie das Projekt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie "Entwicklungspsychologische Beratung für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern" vor, das ein Beratungsmodell zur Prävention von Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern ist.
Ralf Wilczek von Auxilium Hamm referierte über die Wohngruppen für minderjährige drogenabhängige, bzw. drogengefährdete Jugendliche und junge Erwachsene, die dort seit 1997 existieren. Seiner Erfahrung nach wären mindestens 10% der Eltern der im Projekt betreuten Jugendlichen selbst suchtbelastet. Erfahrene Sozialarbeiter und Therapeuten ständen den Jugendlichen im täglichen Leben und in der schulischen oder beruflichen Arbeit zur Seite. In der Wohngruppe bestimme vor allem die pädagogische Arbeit den Alltag. Schwerpunkte lägen in der individuellen Förderung der Jugendlichen und dem Miteinander in der Gruppe. Gemeinsam mit den Jugendlichen würden schulische und berufliche Perspektiven entwickelt.
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Ralf Wilczek, Stellvertretender Leiter, Therapeutische Wohngruppen Auxilium, Hamm |
Prof. Dr. Teresa Jacobsen, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität von Illinois, stellte abschließend ihre Erfahrungen zum Umgang mit Kindern aus Hochrisikofamilien in den USA anhand vieler Fallbeispiele vor. Sie bemerkte zu Beginn ihres Vortrages, dass 40% der Kinder depressiver Eltern vor ihrem 17. Lebensjahr selbst erkranken. Viele Kinder chronisch belasteter Eltern hätten leider nur eine kurze Kindheit, ein Drittel dieser betroffenen Kinder würden psychiatrische Störungen oder Symptome entwickeln. Schwierig bei psychischen Erkrankungen der Eltern sei, dass diese oftmals keine Krankheitseinsicht hätten und sich für die Kinder daraus das Problem ergäbe zu erkennen, was die "Realität" ist. In diesen Familien käme es oft zu "Rollentausch" und/oder "Rollenverwirrung". Hilfreich seien eine feste Bindungsperson, Aktivitäten der Kinder außerhalb der Familie sowie positive Freundschaften.
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Prof. Dr. Teresa Jacobsen, Professorin für Psychologie, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universität von Illinois, Chicago, USA |
Von den an der Fachtagung teilnehmenden Fachkräften aus der Kinder- und Jugendhilfe wurde vielfach der Wunsch nach einer weiterführenden, vertiefenden Veranstaltung geäußert. Dies ist auch den Veranstaltern ein wichtiges Anliegen.
Kerstin Landua
Leiterin der Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe
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